Fahr' nach Amsterdam, haben sie gesagt. Es ist so einzigartig dort, du wirst unendlich entspannt zurückkommen und glücklich sein, haben sie gesagt.

Da stand sie nun, mitten auf der Leidsestraat und quälte sich durch die Touristenmassen im April. Nicht im Hochsommer wenn jeder Urlaub hat - nein, im April! Und es regnete noch dazu bei 15° Grad verdammtem Celsius! Zum Glück hatte sie einen Regenschutz für ihre Locken. Wer hört schon auf seine jugendlichen Nachbarn, dachte sie. Sie hatte sich schon gewundert, warum das Pärchen bei dem Wort "entspannt" Blicke ausgetauscht und gelächelt hatte. Sie wünschte sich, sie wäre zuhause und könnte sich mit ihrer Wärmeflasche in ihre Kuscheldecke einrollen anstatt sich gemeinsam mit viel zu vielen wildfremden Menschen durch viel zu enge Gassen zu zwängen, umringt von uralten engen Häusern, die schon in alle Richtungen schief standen wie bucklige, alte Menschen. Die Häuser waren bunt und interessant, aber man konnte sie sich nicht lange ansehen, denn es fuhren ständig Fahrradfahrer mit einer solchen Selbstverständlichkeit durch die Menschenmengen, sodass man nicht einmal auf dem Zebrastreifen sicher war und sich ständig nach allen Richtungen umsehen musste. Generell hatte sie den Eindruck, dass man als Fußgänger in Amsterdam ganz unten in der Hackordnung eingestuft war.

Als die alte Dame endlich beim Vincent Van Gogh Museum ankam, war die Schlange für die Tickets elends lang. Ein Glück, dass ihre Nichte ihr geholfen hatte online ein Ticket zu kaufen, denn sie selbst war für so etwas schon zu alt. So konnte sie ohne Umschweife durch die Drehtür am Eingang marschieren und hatte endlich Platz zum Atmen.

Es war früher Vormittag und es waren noch nicht so viele Menschen innerhalb wie außerhalb des Museums, so konnte sie sich in aller Ruhe die Gemälde ansehen. Im ersten Stock waren seine frühesten Gemälde ausgestellt, und ihr gefielen die Kartoffelesser besonders gut. Das Gemälde war düster und für Van Gogh noch sehr realistisch gemalt, aber ihr gefiel sehr, dass er die einfachen Leute und ihre täglichen Mühen abbilden wollte. Langsam fing sie an zu entspannen. Bis sie im dritten und letzten Stockwerk angelangt war, hatte sie die Welt da draußen vergessen.

Trotz seiner Krankheit und Armut hatte van Gogh so wundervolle Gemälde gemalt, weil er gar nicht anders konnte als zu malen. Da stand sie nun vor dem blühenden Mandelbaum und war nicht nur fasziniert von dem Bild, sondern auch von der Geschichte dahinter. Vincent van Gogh hatte dieses Bild als Geschenk zur Geburt seines Neffen gemalt, und sein Bruder hatte es im Schlafzimmer aufgehängt. Obwohl beide Brüder kurz darauf verstarben, hatte van Goghs Schwägerin daran festgehalten seine Bilder und Briefe an seinen Bruder bekannt zu machen. Trotz dieser traurigen Geschichte gab ihr das Bild so viel Kraft und öffnete ihr die Augen für die Schönheit im Leben, selbst wenn der Alltag trist war. Sie war hier, und konnte sich die rosafarbenen Blüten ansehen, die ein anderer Mensch aus Leidenschaft gemalt hatte.

Ihre Nachbarn hatten wohl doch recht, Amsterdam war jederzeit einen Besuch wert, wenn man sich solche Kunst ansehen konnte. Jetzt musste sie nur noch herausfinden, warum es auf Amsterdams Straßen immer so süßlich roch.