Sophie

Der Morgen ist noch nicht angebrochen, zu dieser Jahreszeit herrscht noch tiefste Dunkelheit. Während es regnet und die herab prasselnden Tropfen auf den Pfützen tanzen, beeile ich mich die Bahn zu erwischen, mit der ich jeden Tag in die Arbeit fahre. Ich bin noch ganz müde und verschlafen, da es ja fast noch Nacht ist. Gerade noch rechtzeitig komme ich bei der Haltestelle an, um sie, die Lichter der Scheinwerfer in die Ferne leuchtend, näher kommen zu sehen. Wie jeden Tag steige ich in den hinteren Waggon ein und setze mich auf einen freien Zweierplatz. Noch sind außer mir nur wenige Menschen schon unterwegs, doch im Laufe der Fahrt, zwischen der Kleinstadt, in der ich wohne, und der Großstadt, in der ich arbeite, wird sich der Waggon mit mehr und mehr Passagieren füllen.
Ich bereite mich auf meine tägliche Fahrt vor, packe ein Buch und meinen mp3-Player aus meiner Tasche und sehe aus dem Fenster. Draußen ziehen die mir bekannten, in der Dunkelheit unbeleuchteten Häuser und Straßen rasch vorbei. Ich kenne die Stationen auswendig und weiß, wo nur einzelne und bei welchen Stationen mehrere Menschen einsteigen. Einige Gesichter sehe ich jeden Tag und manche zum ersten oder einzigen Mal. Je mehr sich die Bahn füllt, desto lauter wird es. Durch die Kopfhörer und die Musik höre ich alles nur gedämpft. Die meisten Menschen fahren alleine und beschäftigen sich entweder mit anderen Dingen, lesen zum Beispiel ein Buch, schreiben in ihre Kalender, hören Musik oder sehen nachdenklich aus dem Fenster. Die wenigsten sehen sich um oder beobachten ihre Mitfahrer. Diese Prozedur ist Routine, jeder hält seine Distanz und ist noch nicht ganz auf den kommenden Arbeitstag eingestellt. Müdigkeit lastet auf jedem einzelnen Passagier und macht die Umgebung grau und lustlos, als wären wir alle nur Marionetten, die ihre Pflicht erfüllen müssen. Es fehlt nur noch eine farb- und geschmacklose Uniform und wir wären der Stoff, aus dem Science Fiction Filme gemacht werden. Kaum jemand freut sich zu dieser Stunde auf die Schule, das Büro oder überhaupt irgendetwas. Nur wenige, die in Gruppen fahren und sich unterhalten, wirken lebendiger. Durch den Regen und die Kälte draußen laufen alle Fenster an, und ich kann kaum vereinzelte Dinge auf der anderen Seite des Glases erkennen, lediglich verschwommene Straßenlichter, die an mir vorüberziehen. Wie jeden Morgen bleiben meine Augenlider nach einiger Zeit beim Blinzeln immer ein bisschen länger geschlossen. Ich fahre jeden Tag alleine mit der Bahn, also rede ich mit niemandem und höre meist nur leise Musik. Das Buch, das mit meiner Tasche gemeinsam vor mir auf meinem Schoß liegt, habe ich meist nur als guten Vorsatz mit. Ich denke mich einfach nur weg.
Menschen steigen ein und aus und eilen wiederum in einen anderen Fluss der Hektik. Ich habe morgens keinen Stress. Planmäßig stehe ich immer einige Minuten nach dem Läuten meiner beiden Wecker auf und wanke in die Küche um Kaffee zu machen. Mein Weg in die Arbeit heißt sitzen, aussteigen, über die Straße und ins Büro gehen und dann wieder sitzen. Wenn ich nicht bald anfange an den Wochenenden Sport zu machen, werde ich so breit und rund wie meine Großmutter. Ich kann es nicht leiden, wenn mir jemand gegenübersitzt und meine Reflektion der Fensterscheibe beobachtet. Natürlich muss ich die Frau anstarren, bis sie verlegen wegsieht, sonst hätte sie wahrscheinlich nie aufgehört mich zu mustern. Ich habe sie noch nie gesehen, vielleicht hat sie die frühere Bahn verpasst. Als ich meinen Blick durch den Waggon streifen lasse, bemerke ich plötzlich, dass mich noch jemand ansieht. Er sitzt weiter weg, zwei Reihen weiter vorne und gegen die Fahrtrichtung sitzend, also mir zugewandt. Er ist jung und sieht ein bisschen müde aus, nicht nur wegen seiner Bartstoppel. Seine kurzen, braunen Haare sind nass vom Regen und seine dunklen Augen scheinen die Distanz zwischen uns zu durchbohren, aber er starrt nicht. Vielleicht sieht er mich gar nicht direkt an, sondern denkt über etwas ganz anderes nach. Sein grauer Mantel ist nass an den Schultern und sein dunkelgrüner Schal hängt ihm nur noch halb um den Hals. Er hält etwas vor sich auf dem Schoß, doch als ich hinsehe geht jemand vorbei und blockiert meine Sicht. Es dauert einige Augenblicke, bis ich seinen Sitzplatz wieder sehen kann, doch er scheint mit den anderen ausgestiegen zu sein, denn der Sitz ist leer. Obwohl ich ihn noch nie in der Bahn gesehen habe, scheint er auch auf dem Weg in die Arbeit gewesen zu sein. Irgendetwas an seinem Blick erinnert mich an meinen damaligen Englischlehrer in der Oberstufe, mit dem Unterschied, dass mein Lehrer alt und resigniert war und eine Glatze hatte. Der arme Professor, wir waren vielleicht wirklich zu hart zu ihm. Genau das ist es vielleicht, der Blick eines Menschen, der den Kampf aufgegeben hat. Dieser Mann war aber noch zu jung, um schon so alte Augen zu haben.
Ich weiß nicht was es ist, aber etwas an ihm ist alles andere als graue Routine. Ich frage mich, ob ich ihn morgen wiedersehe.

Es war ein schrecklicher Tag. Endlich in der Bahn, in einer Stunde bin ich zuhause und kann mich ins Bett werfen. Den ganzen Tag ist etwas schief gelaufen. Entweder habe ich einen vollkommen unnötigen Fehler bei der Arbeit gemacht und musste ihn ausbessern, oder ich bin jemandem fast mit meiner vollen Kaffeetasse in der Hand rein gerannt. Was war das bloß für ein Kerl, dass mich sein Greisen-Blick so aus der Bahn wirft? Vielleicht sollte ich morgen eine andere Bahn ins Büro nehmen, wer weiß was morgen passiert, sollte ich ihn wieder sehen. Schon wieder ist es draußen dunkel. Wenn ich nicht tagsüber hin und wieder aus dem Fenster blicken würde, könnte ich schwören, dass die Sonne sich nie blicken lässt. Wenigstens regnet es jetzt nicht mehr, also werde ich den warmen Mantel und Schal anbehalten können. Ich bin kaum fünfzehn Minuten gefahren, als er plötzlich einsteigt. Der gleiche Mantel, der gleiche Schal, der gleiche Mann wie heute Morgen. Wie kann das sein? Die Wahrscheinlichkeit, dass wir beide morgens und abends die gleiche Bahn erwischen ist viel zu klein. Doch er ist es, und weil er mich noch nicht gesehen hat, sehe ich schnell runter auf mein Buch. Ich habe die Zeile verloren und muss die Seite nochmal lesen. Die Bahn ist jetzt fast voll, und es sind nur noch wenige Sitzplätze frei. Ich sitze auf einem Viererplatz am Fenster in Fahrtrichtung und stütze meinen rechten Ellbogen am Fensterrahmen ab, während ich das Buch in beiden Händen halte. Er setzt sich mir schräg gegenüber hin und ich muss unwillkürlich aufblicken. Auf den anderen beiden Plätzen sitzen zwei Frauen in hochhackigen Stiefeln und mit viel zu kleinen Handtaschen, aber er sieht nur mich an. Schon wieder dieses Starren, das keines ist. Er hält jetzt nichts mehr im Arm, dafür ist sein Blick noch dunkler als in der Früh. Ich kann mir vorstellen, dass sein Tag wohl so ähnlich verlaufen ist wie meiner. Er sieht mein Lächeln noch, bevor ich schnell wegsehe und für den Rest der Fahrt nicht mehr von meinem Buch aufblicke. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, dass er hin und wieder seinen Kopf in meine Richtung dreht. Kurz bevor ich aussteigen muss, nicht bevor ich mir schon überlegt habe wie ich am besten an ihm und der Frau mit den Stiefeln vorbeikomme, steht er auf und steigt aus. Ich merke gar nicht, dass mein Buch von meinem Schoß zu Boden geglitten ist, bis ich den dumpfen Aufprall höre und die Frau neben mir mich böse ansieht. Ich murmle eine Entschuldigung und mache mich bereit bei der übernächsten Station auszusteigen.

Gustav

So ein verdammter Mist. Zuerst verreckt mein Auto, dann werde ich mit meinen korrigierten Tests vom Regen erwischt und zu allem Überfluss beschließt meine Klasse heute verrückt zu spielen. An jedem anderen Tag sind sie wie schlafende Bestien, aber heute markieren sie auf einmal ihr Revier und sind überhaupt nicht ruhig zu kriegen. Wenn sie für den Unterricht nur einen Bruchteil der Leidenschaft aufbringen würden, die sie an ihre kleinlichen Cliquenkämpfe verschwenden, dann könnten sie alle Jahresbeste werden. Ein schlechter Tag. Ich hasse Bahnfahren, aber meine Blechbüchse gehört wohl wirklich langsam mehr ins Antiquariat als auf die Straße. Hoffentlich kriegt die Werkstatt sie wieder hin. Wobei, wenn die Kleine von heute Morgen wieder in der Bahn sitzt, wäre es vielleicht nicht so schlimm ein paar Tage länger ohne Auto auszukommen. Ich wollte sie eigentlich nicht anstarren, ich wollte nur ihr Gesicht von vorne ansehen und nicht nur im Profil. Mir wäre fast das Herz stehen geblieben, als sie mich dann plötzlich und zielgerichtet ansah. Es war als ob sie die ganze Zeit genau gewusst hätte, dass ich sie beobachte. Das wirklich Seltsame an ihr aber war, dass sie gar nicht wegsah, nachdem unsere Blicke sich trafen. Jeder andere würde sonst verlegen wegsehen, oder die Stirn runzeln und wegsehen – auf jeden Fall aber wegsehen. Nichts da.
Sie sieht lieb aus. Sie ist nicht atemberaubend schön, aber sie hat etwas Interessantes an sich. Als ob sie in einem Rollenspiel diejenige wäre, die alles bereits durchschaut hat und nur noch darauf wartet, dass ihre Mitspieler endlich auch auf die Lösung kommen. Aber was rede ich da, das ist total lächerlich. Unsere Blicke hatten sich nur für einige wenige Augenblicke getroffen, und dann musste ich schon aussteigen. Das alles hat sicher nichts zu bedeuten, und ich sehe sie nie wieder.
Endlich ist die Bahn da. Heute wird nicht mehr gedacht, nur noch gegessen und dann ab ins Bett. Großartig, kaum noch ein Platz frei. Ich fasse es nicht, da ist sie wieder. Sie sitzt mir schräg gegenüber, ich glaube sie hat mich wiedererkannt, zumindest lächelt sie. Aber sie sieht mich nicht an, für die ganze Dauer unserer gemeinsamen Fahrt sieht sie nicht mehr in meine Richtung. Warum nicht? Habe ich sie zu lange angestarrt? Großer Gott, ich wollte nur nachhause fahren und mache mir schon wieder Gedanken über eine Frau. Meine Klasse hatte wohl doch Recht, ich bin hoffnungslos. Aber sie sieht noch genau so süß aus, wenn nicht noch besser. Ihre kurzen Haare fallen ihr ins Gesicht, so wie sie dasitzt und ihr Buch liest. Ihre kleinen Hände haben sehr kurzgeschnittene Fingernägel, und ihre Brille rutscht ihr manchmal die Nase runter, sodass sie alle paar Minuten beim Umblättern mit der linken Hand dann die Brille wieder hinaufschiebt. Von ihrem Gesicht ist nicht viel zu sehen wegen diesem riesigen Schal. Sie sieht aus, als ob sie in dieser Bahn zuhause wäre und nimmt niemanden in ihrer Umgebung wahr. Auch mich nimmt sie nicht wahr. Endlich meine Station, hoffentlich ist Tom bald mit dem Auto fertig.

Sophie

Der Mann mit dem grauen Mantel und dem dunkelgrünen Schal fährt jetzt schon seit einer Woche jeden Tag in der gleichen Bahn, morgens und abends. Anfangs war ich noch verwundert, aber mittlerweile habe ich mich an ihn gewöhnt. Es wundert mich auch nicht, dass er heute Abend später als sonst nachhause fährt. Ich habe mich heute mit einer Bekannten getroffen, wir kennen uns seit unserer gemeinsamen Schulzeit und treffen uns hin und wieder nach der Arbeit auf einen Kaffee, um Neuigkeiten auszutauschen oder um über alte Zeiten zu reden. Die Bahn ist jetzt nicht mehr so voll, es ist spät geworden. Er sitzt ein paar Sitzreihen hinter mir, ich höre Musik und realisiere erst zu spät, dass ein paar Sitze weiter jemand auf mich einredet. Ich sehe hinüber, ein Fehler. Der Mann ist so betrunken, dass ich seine Alkoholfahne bis hierher riechen kann. Seine übergroße Lederjacke ist abgewetzt und hat unzählige Flecken. Seine Augen sind glasig und seine wenigen Zähne bezeugen, dass er zu viel Rotwein getrunken hat. Alles in allem sieht er heruntergekommen aus und redet jetzt energisch auf mich ein, während er mit der Hand ab und zu durch seine langen und fettigen Haare streicht. Durch die Musik in meinen Ohren höre ich ihn nur gedämpft, also nehme ich die Kopfhörer ab – noch ein Fehler. Er setzt sich zu mir und fängt an zu schimpfen. Solche Leute kenne ich, meistens sind sie nur laut aber ansonsten harmlos. Doch der ist anders als der gewöhnliche Betrunkene. Er steht auf, aber als ich versuche meine Tasche zu nehmen und aufzustehen, um mich von ihm zu entfernen, packt er mich beim Arm und schimpft weiter. Er hat Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht, weil er im Rhythmus mit dem fahrenden Zug wankt, aber seine Hand lässt nicht von meinem Arm locker.
"Lassen Sie mich los, ich kenne Sie doch gar nicht", bringe ich raus, aber er lässt nicht los. Wir stehen jetzt beide mitten im Gang – es ist niemand da – doch plötzlich steht jemand hinter mir und versperrt mir den Fluchtweg. Ich sehe auf, halb in der Erwartung noch einen Angreifer abwehren zu müssen. Er ist es, er ist rüberkommen und steht jetzt neben mir.
"Lassen Sie die junge Frau sofort los, sonst muss ich Ihnen mein Klappmesser in die Rippen bohren. Vielleicht sterben Sie nicht, aber unangenehm wird es in jedem Fall", presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen raus. Der Alte und ich starren ihn beide fassungslos an. Niemand sagt etwas, aber es vergehen keine drei Sekunden, bis ich spüren kann wie der Alte seine knorrigen Finger von meinem Oberarm nimmt und langsam rückwärts taumelt, während die Bahn unbeirrt weiterfährt. Ich sehe ihm nicht nach, weil ich noch immer meinen „Retter“ wie blöd anstarre. Er behält den Alten aber im Auge, bis er anscheinend ausgestiegen ist, weil er mich einige – viel zu lange andauernde – Momente später endlich ansieht.
"Ist bei Ihnen alles in Ordnung? Normalerweise sind solche Kerle harmlos, aber der hier schien Sie besonders zu mögen. Zum Glück hat er es nicht darauf ankommen lassen, ich habe nämlich gar kein Klappmesser."
Unglaublich, er hat so dunkle Augen, dass sie fast schwarz wirken. Oder ist das wegen der dunklen Augenringe? Kein Wunder, dass der Alte gleich abgehauen ist.
"Danke", ist das einzige, das ich rausbringe. Meine Hände zittern.
Er lächelt. "Setzen Sie sich lieber, Sie sehen ein bisschen blass um die Nase aus. Dieser Kerl hat Ihnen doch nicht etwa weh getan?" Der Ausdruck auf seinem Gesicht verdunkelt sich wieder.
"Nein, nein. Es tut mir leid. Normalerweise ignoriere ich solche Leute so lange, bis sie aufgeben und weggehen. Ich schätze das war Reflex" stammle ich vor mich hin, während ich versuche meine Tasche zuzumachen. Er setzt sich mir gegenüber hin und kramt etwas aus seinem Rucksack. Zum Vorschein kommt ein durchsichtiges, rundes Tupperware mit Keksen darin. Er öffnet es und hält mir die Kekse hin.
"Hier, vielleicht sollten Sie jetzt ein bisschen Energie tanken. Ich hoffe Sie mögen Lebkuchen. Ich kann sie nur empfehlen, aber ich habe leider schon die meisten gegessen", sagt er wie beiläufig und lächelt mich aufmunternd an. Ich sage nichts und starre ihn weiter an. Unfassbar, gibt es so etwas denn tatsächlich noch? Niemals, ich halluziniere nur.
Er deutet mein Schweigen falsch, denn jetzt verengen sich seine Augen und er sagt, "Wahrscheinlich wollen Sie lieber keine Kekse von fremden Männern annehmen, vor allem nach dem, was gerade passiert ist."
"Ich liebe Lebkuchen. Ich glaube, ich bin nur ein bisschen durcheinander gerade."
"Darf ein Mann keine Kekse in der Tasche haben? Normalerweise habe ich keine mit. Ich hätte sie auch in der Schule gelassen, wenn mir nicht die Frau, die sie gebacken hat, unbedingt welche mit auf den Weg geben wollte", erzählt er, nimmt einen Keks aus der Box und steckt ihn sich als Ganzes in den Mund. "Schule?" frage ich, während ich schon an meinem Zweiten kaue.
Er kaut fertig und entschuldigt sich, "Tut mir leid, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Gustav, und ich bin Geschichtslehrer in der Oberstufe. Heute ist Ihr Glückstag, denn ich komme gerade vom Elternabend. Einem sehr langen Elternabend."
Ich weiß nicht warum, aber ich muss plötzlich lachen. Er runzelt die Stirn, zuckt dann aber mit den Achseln und isst noch einen Keks. Außer uns ist niemand mehr im Waggon und mein Lachen geht im Lärm der fahrenden Bahn unter.
"Ich hätte nie gedacht, dass mir ein Elternabend mal das Leben retten würde! Normalerweise denkt man als Schüler genau das Gegenteil", gluckse ich vor mich hin und bemerke wie auch er jetzt lächelt und es sich im Sitz bequem macht. "Tja, ich auch nicht", sagt er. Er hat ein süßes und spitzbübisches Lächeln, das irgendwie gar nicht zu seiner erwachsenen Kleidung passt. Er sieht viel zu jung aus, um Lehrer zu sein. Irgendwas stimmt heute nicht mit mir, denn als nächstes höre ich mich sagen, "Sie sehen viel zu jung aus, um Lehrer zu sein."
Er sieht mich lange an und lächelt wieder. "Vielen Dank, aber ich muss Sie leider enttäuschen, denn ich gehe bereits auf die dreißig zu. An manchen Tagen fühlt es sich aber eher wie fünfzig an. Und Sie? Verraten Sie mir wenigstens Ihren Namen?"
"Sophie. Ich bin zweiundzwanzig und arbeite in einem Büro. Die Arbeit, die ich dort mache ist so langweilig, dass ich wahrscheinlich selbst einschlafen würde, wenn ich Ihnen davon erzählen würde."
Er lacht kurz auf und kontert dann, "Langweilig kann auch gut sein. Es ist auf jeden Fall besser als nervenaufreibende, ergebnislose Mühe."
"Sie klingen wie mein alter Englischlehrer."
"Alt? Autsch, ich bin getroffen", lügt er und fasst sich verkrampft an die Brust, als ob er einen Herzinfarkt hätte.
"Tut mir leid, so habe ich das nicht gemeint", sage ich schuldbewusst und sehe aus dem Fenster. Sind wir schon so lange gefahren? "Verdammt, Sie verpassen noch ihre Station, wenn Sie jetzt nicht aussteigen!"
"Sie wissen wo ich immer aussteige?" fragt er amüsiert und lächelt ein schiefes, fast schon triumphierendes Lächeln. "Ich könnte jetzt sagen, dass es nur logisch ist das zu wissen, nachdem wir täglich mit der gleichen Bahn fahren, aber Sie sind mir nicht dadurch aufgefallen", erwidere ich kryptisch und verschränke die Arme.
"Ach ja? Wodurch denn dann?"
"Durch Ihr Starren. Ehrlich gesagt glaube ich eher, dass Sie mich gar nicht angesehen haben, sondern einfach mit den Gedanken ganz wo anders waren. Auf jeden Fall fand ich es so schräg, dass ich Sie mir gemerkt habe."
Er zögert. Eigentlich könnte er mich jetzt auslachen, oder aufstehen und aussteigen, denn mittlerweile fahren wir in seine Haltestelle ein. Stattdessen steckt er sich noch einen Keks in den Mund, drückt mir die Keksdose in die Hand und sagt, "Sie brauchen sie mehr als ich." Im nächsten Moment rennt er zur Tür, als diese sich schon schließt, und drückt sie noch einmal auf. Ich höre ihn noch rufen, "Übrigens liegen Sie falsch. Ich war nicht woanders mit den Gedanken.", und weg ist er.
Ich sitze da wie versteinert, mit einer fremden Keksdose auf dem Schoß. War ich wenige Minuten zuvor noch fast überfallen worden, so ist es nicht dieser Schock, der mich jetzt lähmt. Was habe ich nur gesagt? Was hat er gesagt? Wie komme ich eigentlich dazu mit fremden Männern im Zug zu flirten? So etwas passiert Menschen wie mir einfach nicht. Ich bin eine durchschnittliche Träumerin, die nur durchschnittlich einsam ist. Er war nur höflich und hilfsbereit mir gegenüber. Es hat nichts zu bedeuten, versuche ich mir einzureden, während ich auch noch fast meine eigene Station verpasse. Ich sollte mich jetzt nur noch ins Bett legen und schlafen, bis ich am nächsten Tag wieder zur Arbeit muss.

Gustav

Sie hat etwas. Irgendetwas an ihr zieht mich an, und es ist nicht einmal etwas überwiegend Körperliches. In meiner Welt gab es bisher nur berechenbar pubertäre Jugendliche und Erwachsene, die schon längst vor dem Leben in die Knie gegangen sind und sich dessen nur noch nicht bewusst sind. Naja, ich bin ein Mann, also gab es auch Frauen. Ich weiß nicht, ob es an meinem hoffnungslosen Beruf als Lehrer liegt oder an der jahrelangen Routine. Was es auch ist, dieses Mädchen löst etwas Neues in mir aus. Mein Gott, ich hätte diesem alten Sack sicherlich das Gesicht eingeschlagen, wenn er sich nicht so schnell aus dem Staub gemacht hätte. Der Überlebensinstinkt eines Menschen liegt wohl einige Promille über dem Verlust des Verstandes. Ich hätte natürlich jedem anderen genauso geholfen, aber ihm oder ihr danach keinesfalls einen Keks angeboten! Hab´ ich den Verstand verloren? Sie muss mich entweder für einen Perversen oder einen kompletten Idioten halten. Meine Schüler würden mich bis in alle Ewigkeit damit aufziehen, wenn sie dabei gewesen wären. Wahrscheinlich wäre ich binnen kürzester Zeit als der „Lebkuchenmann“ berüchtigt.
Ich muss sie wiedersehen. Blödsinn, ich werde sie wiedersehen. Morgen früh, in der Bahn. Außer sie fährt ab jetzt immer zu anderen Uhrzeiten. Aber warum sollte sie? Immerhin bin ich ihr aufgefallen, zwar nur weil sie mir aufgefallen ist und ich sie wie ein dummer Junge angestarrt habe, aber immerhin. Mit ihren kurzen, braunen Haaren und der Brille sieht sie aus wie eine Romanfigur. Eine ziemlich kleine und zarte Romanfigur. Sie hat etwas Ironisches und Trauriges an sich, aber ihr Humor gefällt mir. Es könnte gut sein, dass dieser Elternabend mir ebenfalls das Leben gerettet hat. Aber ich werde mich ihr nicht aufdrängen. Sie soll nicht aus Dankbarkeit oder Höflichkeit mit mir reden. Ich werde sie morgen fragen, ob ich mich zu ihr setzen kann, und wenn sie zögern sollte weiß ich woran ich bin.

Ich habe mich die ganze Nacht nur im Bett hin und her gewälzt und bin jetzt zwar hundemüde, aber immer noch aufgedreht. Ich stehe am Bahnsteig und beobachte die Leute, wie sie schlaftrunken und abwesend bei der Haltestelle warten. Habe ich bisher auch immer so ferngesteuert ausgesehen? Mir ist kalt und ich vergrabe meine Hände in den Taschen meiner viel zu dünnen Herbstjacke, aber innerlich brenne ich darauf sie wiederzusehen. Ich muss wissen, ob es nur der gestrige Vorfall war, oder ob sie heute noch genauso anziehend auf mich wirkt. Ich weiß nicht einmal welche Antwort ich mir wünsche oder fürchte. Die Bahn fährt ein, und ich sehe sie im hinteren Waggon sitzen. Sie trägt einen kurzen, schwarzen Mantel zu ihren schwarzen Stiefeln und blauen Jeans. Ihr lilafarbener Wollschal sticht aus der Menge heraus. Sie liest ein Buch, ihre Haare fallen ihr über die Augen und sie sieht erst auf, als ich mich ihr gegenübersetze. Draußen ist es noch genauso dunkel wie am Abend zuvor, und es wäre die gleiche Situation wie gestern wenn nicht die Mitfahrer wären, die sich entweder unterhalten oder der Reihe nach auf einen Sitzplatz fallenlassen. Sie sieht auf, erkennt mich und lächelt ungezwungen.
"Guten Morgen. Ich habe da etwas, das Ihnen gehört", sagt sie und reicht mir das Tupperware von gestern. Es fühlt sich nicht leer an, und als ich es aufmache sind einige Dutzend bunte Zuckerl darin. Ich sehe sie an und jetzt grinst sie wie ein kleines Mädchen, das gespannt auf die Reaktion seines Geschenks wartet. Die schlaflose Nacht war vollkommen berechtigt, beschließe ich. Sie hat sogar eine noch größere Anziehung auf mich.
"Die kann ich aber nur annehmen, wenn wir uns ab jetzt duzen" sage ich, stelle die Zuckerl auf den kleinen Tisch zwischen uns und ziehe meine Jacke aus. Währenddessen packt sie ihr Buch in ihre Tasche, lehnt sich zurück und mustert mich. Unsere Knie berühren sich, doch niemand sagt etwas. Als meine Jacke zusammengefaltet auf meinem Schoß liegt und ich die Schachtel darauf abstelle, sagt sie plötzlich "Gustav, wie in Gustav Gans?" und sieht mich dabei so unschuldig an, dass ich lachen muss.
"Ich fühle mich geehrt. Ich habe noch immer meine Hefte von früher. Das waren noch klassische Comics", sage ich und nehme ein Zuckerl in die Hand.
"Unglaublich, ich liebe Apfel-Zimt! Woher wusstest du das bloß?", staune ich.
"Du hast gesagt du magst Lebkuchen, also war es nicht so schwer." Ich nehme ein Bonbon mit lila Wickelpapier und halte es ihr hin.
"Es passt zu deinem Schal."
Als sie es annimmt berühren sich unsere Finger leicht und sie zögert. Sie sieht weiterhin auf ihre Hände hinunter während sie es auspackt und sich langsam in den Mund steckt. Mir fällt auf, dass sie sehr lange Wimpern und kleine, aber volle Lippen hat. Die Geste hat etwas so Zerbrechliches an sich, dass mir fast das Herz stehenbleibt.

Es war ein großartiger Tag. Meine Schüler haben sich benommen, sogar die größten Raufbolde haben heute mitgearbeitet und jeder hatte seine Meinung zu Heinrich VIII und seiner Zeit als Herrscher über England. Sonst bin ich meistens der Einzige, den man reden hört und die Klasse lässt sich nur beträufeln oder einzelne Schüler tauschen Briefchen unter dem Tisch aus. Vielleicht war es heute anders, weil ich anders war und bereits gut gelaunt und motiviert in die Stunde gekommen bin. Das passiert mir sonst nie, es muss an Sophie liegen und der Aussicht sie heute auf dem Weg nachhause wiederzusehen. Allerdings hätte ich auch nie gedacht, dass die Körpersprache, Stimmung und Ausstrahlung eines Lehrers einen so großen Einfluss auf die Mitarbeit seiner Schüler haben würde. Was es auch ist, ich will nicht, dass es aufhört.
Ich eile durch die Straßen zur Haltestelle, als ob der Teufel hinter mir her wäre. Ich bin außer Atem und zu früh dort, deshalb gehe ich einige Minuten am Bahnsteig auf und ab, bevor ich endlich die bekannten Lichter sehe. Sie hat mir tatsächlich einen Sitzplatz in der überfüllten Bahn mit ihrer Tasche freigehalten. Ihre Sitznachbarn starren zuerst sie und dann mich mürrisch an, als ich mich an ihnen vorbeizwänge und Sophie gegenüber hinsetze.
"Danke fürs Platz freihalten! Wie war dein Tag?", frage ich und knalle meine Handschuhe auf den Tisch, damit ich mir die Jacke aufknöpfen kann.
"Zu lang", sagt sie und lächelt.
"Meiner auch, noch dazu habe ich den ganzen Tag über fast nichts gegessen. Ich verhungere bald", beklage ich mich.
Unsere Mitfahrer müssen glauben wir würden uns schon seit Jahren kennen, weil uns jetzt niemand mehr beachtet. Sie sagt nichts und sieht aus dem Fenster, aber ich sehe sie immer noch lächeln.

"Du hast doch sicher jemanden, der zuhause für dich kocht."
"Leider nein. Ich bin ein einsamer Wolf, der seine Beute selbst erlegen muss. Und du?"
"Ich bin kein einsamer Wolf." Mein Herz steht still. Sie sieht weiterhin aus dem Fenster, den vorbeiziehenden Lichtern nach.
"Ich bin Vegetarierin, also wohl eher so etwas wie ein einsames Schaf", sagt sie dann und mein Herz schlägt jetzt doppelt so schnell. Sie grinst schon wieder, so als ob sie genau wüsste, dass sie mich an der Angel hat. Was soll’s? Entweder jetzt oder nie.
"Du hast nicht zufällig auch Hunger? Ich kenne ein gutes italienisches Restaurant bei mir um die Ecke, Tino‘s. Die haben sicher auch vegetarische Gerichte." So, jetzt ist es draußen und sie kann jetzt entweder annehmen oder mich abblitzen lassen. Dann weiß ich wenigstens woran ich bin.
Sie sieht mich an und sagt nur: "Na dann drück auf den Halteknopf, unsere Station ist die nächste."